Die Richterin hielt das erste Blatt aus dem versiegelten Umschlag so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden.
„Iris Mitchell“, las sie langsam.
„Achtundsechzig Prozent der Gründungsanteile an Mitchell Medical Technologies.“
Im Gerichtssaal bewegte sich niemand.
Jason starrte erst die Richterin an, dann mich, dann den schwarzen Zugangsschlüssel in meiner Hand.
Sein roter Firmenordner lag geöffnet vor ihm.
Noch vor wenigen Minuten hatte er ihn wie eine Trophäe auf den Tisch geworfen.
Jetzt sah er aus wie etwas, das ihn verraten konnte.
„Das ist unmöglich“, sagte er.
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Die Richterin legte das Blatt nicht weg.
„Der Treuhandvertrag wurde zwölf Jahre vor der heutigen Verhandlung notariell beglaubigt.
Das ursprüngliche Patent ist ebenfalls auf Frau Mitchell registriert.
Herr Mitchell, Sie haben in Ihrer Vermögenserklärung angegeben, das Unternehmen allein gegründet zu haben.“
Jason richtete sich auf.
Für einen Moment kehrte etwas von seiner alten Selbstsicherheit zurück.
„Iris hat nie etwas mit der Firma zu tun gehabt.
Sie war meine Frau.
Ich habe ihr aus steuerlichen Gründen Anteile überschrieben.
Mehr nicht.“
Daniel Brooks stand neben mir auf.
„Dann dürfte es Ihnen leichtfallen zu erklären, warum sämtliche frühen Forschungsprotokolle ihre Unterschrift tragen, warum das erste Investitionskapital von einem Konto ihrer verstorbenen Mutter stammte und warum Sie ihr Stimmrecht durch eine Vollmacht ausübten, die vor acht Jahren abgelaufen ist.“
Daniel schob drei Kopien über den Tisch.
Jasons Anwalt nahm sie, blätterte hastig und wurde mit jeder Seite stiller.
Madison sah zwischen den beiden Männern hin und her.
Ihr weißes Kleid wirkte plötzlich nicht mehr elegant.
Es wirkte unpassend, beinahe kostümhaft.
Sie legte eine Hand an ihren Hals.
„Jason“, sagte sie, „du hast mir gesagt, die Firma sei seit Generationen im Besitz deiner Familie.“
„Nicht jetzt“, fauchte er.
Die Schärfe in seiner Stimme ließ sie zusammenzucken.
Ich kannte diesen Ton.
Es war der Ton, der immer kam, wenn seine sorgfältig aufgebaute Geschichte Risse bekam.
Die Richterin wandte sich Dr.
Elena Weiss zu, die in der hintersten Reihe stand.
„Frau Doktor, Sie wurden als Zeugin benannt.
Sind Sie bereit auszusagen?“
Dr.
Weiss trat nach vorn.
Sie war älter geworden, seit ich sie zuletzt gesehen hatte.
Silberne Strähnen durchzogen ihr dunkles Haar.
Doch ihre Haltung war dieselbe wie in jener Nacht: ruhig, aufmerksam, unbestechlich.
„Ja“, sagte sie.
Jason sprang auf.
„Sie hat eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben.“
„Setzen Sie sich“, befahl die Richterin.
Er blieb stehen.
„Diese Frau darf meine privaten Angelegenheiten nicht öffentlich machen.“
Die Richterin hob den Blick.
„Es geht um mögliche Urkundenfälschung, Zeugenbeeinflussung, Veruntreuung von Firmengeldern und den Verdacht schwerer Körperverletzung.
Ihre privaten Vorlieben stehen heute nicht zur Debatte.“
Ein leises, beinahe unhörbares Raunen lief durch den Saal.
Jason setzte sich.
Dr.
Weiss nahm im Zeugenstand Platz und wurde vereidigt.
Daniel ging langsam auf sie zu.