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Warum Tante Lydia den alten Brunnen vor Sonnenaufgang zuschütten wollte / Chapter 6 / 6

Chapter 6 — Warum Tante Lydia den alten Brunnen vor Sonnenaufgang zuschütten wollte

4.9Editorial score

Das Land verschluckte uns nicht.

Es hielt uns fest.

Den alten Brunnen ließen wir nicht zuschütten.

Ein Steinmetz setzte den entfernten Block wieder ein, und ein Schmied aus Cedar Hollow fertigte eine schwere Abdeckung aus Eisen.

Auf der Innenseite ließ Emma zwei Namen eingravieren: Anna und Thomas Reed.

Für Onkel Sam stellten wir eine kleine Bank unter den Walnussbaum hinter der Scheune.

Bell brachte uns die letzte Seite seines Testaments, die erst nach Abschluss des Verfahrens geöffnet werden durfte.

Darauf stand:

„Ich konnte euch nicht aus St.

Agnes holen.

Das ist das größte Versagen meines Lebens.

Aber ich konnte dafür sorgen, dass ihr eines Tages einen Ort habt, an dem euch niemand mehr fortschicken darf.“

Emma las den Satz dreimal.

Dann legte sie das Blatt auf den Küchentisch, an dieselbe Stelle, an der Lydia uns ihren Verkaufsvertrag hingeschoben hatte.

Wir weinten nicht lange.

Es gab Arbeit zu tun.

Am nächsten Morgen strich Emma die Fensterrahmen, während ich die Veranda abstützte.

Im Radio lief leise Musik.

Der Duft von Kaffee zog aus der Küche.

Auf dem Kaminsims stand das Foto unserer Eltern, daneben eines von Onkel Sam mit seinen sonnenverbrannten Armen und dem schiefen Ballcap.

Das Klappmesser meines Vaters trug ich weiterhin in der Tasche.

Ich benutzte es zum Schneiden von Bindfaden, zum Öffnen von Saatgutsäcken und manchmal nur, um mich daran zu erinnern, wie sich der dritte Stein unter der Klinge gelöst hatte.

Der Brunnen hatte uns kein Gold gegeben.

Er hatte uns etwas zurückgegeben, das man uns acht Jahre lang gestohlen hatte: die Wahrheit über unsere Eltern, den guten Namen unseres Onkels und das Recht, endlich irgendwo dazuzugehören.