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Sophias Pinsel öffnete Ethans jahrelang verschlossene Schatulle / Chapter 2 / 7

Chapter 2 — Sophias Pinsel öffnete Ethans jahrelang verschlossene Schatulle

4.9Editorial score

„Ihre Gäste werden jeden Moment hier sein.“

„Ich weiß.“

„Das Abendessen ist geschäftlich.“

„Auch das weiß ich.“

Er faltete das Foto nicht zusammen.

Er stellte es auf den Kaminsims, direkt unter den Spiegel, sodass der Junge auf dem Bild und der erwachsene Mann darüber gleichzeitig zu sehen waren.

Sophia schob ihren Stoffhasen auf ihren anderen Arm.

„Der Schmetterling ist ein bisschen schief“, sagte sie.

Ethan berührte seine Stirn.

„Der auf dem Foto auch.“

„Dann ist es richtig.“

Maria presste die Lippen zusammen.

Sie wollte ihre Tochter zurechtweisen, doch Ethan setzte sich vor Sophia in die Hocke.

„Warum hast du mich bemalt?“

Das Mädchen zuckte mit den Schultern.

„Du hast geschlafen, aber dein Mund war traurig.“

„Und Farbe hilft dagegen?“

„Manchmal.“

„Hast du keine Angst gehabt, dass ich böse werde?“

Sophia dachte kurz nach.

„Noodle hatte ein bisschen Angst.

Ich nicht.“

Ethan sah den Hasen an.

„Warum nicht?“

„Weil traurige Leute meistens nicht böse sein wollen.“

Der Satz traf ihn härter als jede Anschuldigung.

Er hatte sich schlafend gestellt, um Maria und ihr Kind zu prüfen.

Er hatte nach Gier, Respektlosigkeit oder einem versteckten Plan gesucht.

Dabei hatte Sophia nur einen einsamen Mann gesehen, dessen Gesicht selbst im Schlaf keine Ruhe fand.

Maria nahm all ihren Mut zusammen.

„Sie haben das absichtlich gemacht, nicht wahr?“

Ethan stand langsam auf.

„Was?“

„Sie waren nicht eingeschlafen.

Sie wollten sehen, was wir tun.“

Er hätte lügen können.

Früher hätte er es getan.

Er hätte behauptet, müde gewesen zu sein, und damit seine eigene Würde geschützt.

Doch das Foto seiner Mutter stand offen vor ihm.

„Ja“, sagte er.

„Ich habe Sie geprüft.“

Maria sah ihn lange an.

Die Angst in ihrem Gesicht wich etwas anderem.

Enttäuschung.

„Ich habe nie etwas aus diesem Haus genommen.“

„Das weiß ich.“

„Ich habe keine privaten Schubladen geöffnet und keine Fragen über Ihre Geschäfte gestellt.“

„Auch das weiß ich.“

„Trotzdem wollten Sie mich bei einer Falle erwischen.“

Ethan blickte auf den nassen Pinsel, der neben den heruntergefallenen Servietten lag.

„Menschen haben mich schon oft getäuscht.“

„Ich bin nicht diese Menschen.“

Die Worte waren nicht laut.

Gerade deshalb ließen sie sich nicht überhören.

Maria kniete sich hin, sammelte die Servietten ein und hielt Sophia die Hand hin.

„Wir sollten gehen.“ Sophias Augen wurden groß.