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Sophias Pinsel öffnete Ethans jahrelang verschlossene Schatulle / Chapter 1 / 7

Chapter 1 — Sophias Pinsel öffnete Ethans jahrelang verschlossene Schatulle

4.9Editorial score

Sophia stand auf den Zehenspitzen und blickte in die geöffnete Schatulle.

„Das bist ja du“, flüsterte sie.

Ethan Cole antwortete nicht.

Mit beiden Händen hob er das verblasste Foto heraus, als könnte es zerbrechen, wenn er zu fest zugriff.

Darauf saß ein kleiner Junge auf einem Küchenstuhl.

Er war vielleicht vier Jahre alt, hatte dunkles Haar und denselben ernsten Blick, den Ethan noch immer trug, wenn er glaubte, niemand beobachte ihn.

Auf seiner linken Wange leuchtete eine gelbe Sonne.

Über seine Stirn spannte sich ein blauer Schmetterling.

Hinter dem Jungen stand eine junge Frau mit einem Pinsel in der Hand.

Sie lachte so offen, dass sogar das alte Papier Wärme auszustrahlen schien.

Maria sah vom Foto zu Ethans bemaltem Gesicht.

Die Ähnlichkeit war unverkennbar.

Sophia hatte nicht wissen können, welche Farben die Frau damals benutzt hatte.

Sie hatte weder die Schatulle noch das Foto gesehen.

Trotzdem verlief der blaue Schmetterling fast an derselben Stelle über Ethans Stirn.

„Wer ist die Frau?“ fragte das Kind.

Ethan strich mit dem Daumen über den Rand des Bildes.

„Meine Mutter.“

Seine Stimme war so leise, dass der Regen an den Fenstern plötzlich laut klang.

Maria ließ das Reinigungstuch sinken.

„Das Foto entstand an meinem vierten Geburtstag“, sagte Ethan.

„Sie hatte einen Kuchen gebacken.

Der Teig war in der Mitte eingesunken, also erklärte sie, es sei ein Vulkan.

Danach bemalte sie mein Gesicht, weil ich nicht lachen wollte.“

Sophia betrachtete das Bild aufmerksam.

„Warst du traurig?“

Ethan atmete ein, doch die Antwort blieb ihm im Hals stecken.

Er erinnerte sich an die kleine Küche des ersten Hauses seiner Eltern.

An den Geruch nach Vanille.

An die Hände seiner Mutter, die immer Farbflecken trugen, weil sie in ihrer Freizeit Bilder malte.

An die Art, wie sie aus jedem Fehler ein Spiel gemacht hatte.

Sein Vater war damals selten zu Hause gewesen.

Die kleine Immobilienfirma kämpfte ums Überleben, Rechnungen stapelten sich, und jeder Auftrag konnte der letzte sein.

Dennoch hatte seine Mutter darauf bestanden, dass Ethan seinen Geburtstag feiern sollte.

Sie war zwei Monate später bei einem Autounfall gestorben.

Danach hatte niemand sein Gesicht mehr bemalt.

Niemand hatte aus einem misslungenen Kuchen einen Vulkan gemacht.

Und irgendwann hatte Ethan beschlossen, dass Erinnerungen weniger schmerzten, wenn man sie in einer Schatulle verschloss.

Er nahm den vergilbten Umschlag vom Deckel.

Die Handschrift darauf gehörte seiner Mutter.

„Für Ethan, wenn das Haus wieder still wird.“

Sein Vater hatte ihm den Brief Jahre nach ihrem Tod gegeben.

Ethan hatte ihn nie geöffnet.

Damals war er sechzehn gewesen und überzeugt, dass Trauer eine Schwäche sei, die man durch Arbeit besiegen konnte.

Später hatte er die Schatulle in jedem Haus mitgenommen, ohne sie anzurühren.

Maria blickte zur Tür.

In weniger als einer halben Stunde würden drei Investoren eintreffen.

Auf dem Spiel stand ein Entwicklungsprojekt im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar.

Ethan hatte den ganzen Tag auf Präzision bestanden: poliertes Silber, exakt gefaltete Servietten, keine Fingerabdrücke an den Gläsern.

Nun stand er mit einer Sonne auf der Wange da und weinte über einem alten Foto.

„Mr.

Cole“, sagte sie vorsichtig, „ich kann die Farbe entfernen.

Es dauert nur eine Minute.“

Ethan hob den Blick.

„Nein.“

Maria war nicht sicher, ob sie ihn richtig verstanden hatte.