Skip to content
Seine Geliebte trug ihr Erbe – dann öffnete die Anwältin die Akte / Chapter 1 / 8

Chapter 1 — Seine Geliebte trug ihr Erbe – dann öffnete die Anwältin die Akte

4.9Editorial score

Clara löste den ersten Verschluss der roten Akte, während im Bellacourt niemand mehr nach seinem Besteck griff.

Selbst die Gespräche an den Nachbartischen waren verstummt.

Marcus hielt sein Handy noch immer in der Hand, doch sein siegessicheres Grinsen war verschwunden.

Penelope saß reglos neben Julian.

Das Collier meiner Großmutter lag auf ihrer Haut wie ein Beweisstück, das plötzlich zu schwer geworden war.

Julian stand halb aufgerichtet hinter seinem Stuhl.

„Was soll das werden?“, fragte er.

Clara sah ihn nicht an.

Sie nahm einen Kontoauszug aus der Mappe und legte ihn auf die Tischdecke, direkt neben den Scheidungsantrag.

„Eine Gelegenheit für Sie, weniger zu sagen“, antwortete sie.

Der Wirtschaftsprüfer neben ihr, Herr Baumann, stellte einen schmalen Laptop auf den Tisch.

Einer der beiden Männer in dunklen Anzügen blieb hinter Penelope stehen.

Der andere zeigte der Restaurantleiterin einen Ausweis und bat sie leise darum, den Ausgang freizuhalten.

Julian bemerkte es.

„Sadie“, sagte er, nun mit gedämpfter Stimme.

„Du machst dich lächerlich.“

Ich hob mein Glas, trank aber nicht.

„Das hattest du doch für mich vorgesehen.“

Marcus senkte endlich sein Telefon.

Clara wandte sich ihm zu.

„Bitte lassen Sie die Aufnahme weiterlaufen.“

„Ich habe überhaupt nichts aufgenommen“, stammelte er.

Herr Baumann drehte den Laptop zu ihm.

Auf dem Bildschirm war Marcus’ eigenes Livestream-Fenster zu sehen.

In der oberen Ecke blinkte ein rotes Symbol.

Marcus’ Gesicht verlor jede Farbe.

Er hatte die Übertragung nicht nur gespeichert.

Er hatte sie in einer privaten Gruppe mit mehreren leitenden Mitarbeitern aus Julians Firma geteilt.

Einige von ihnen waren inzwischen zugeschaltet.

Unter dem Video erschienen neue Namen, dann Nachrichten, die Marcus hastig zu schließen versuchte.

„Finger weg“, sagte Clara.

Der erste Kontoauszug zeigte eine Überweisung über 480.000 Euro an North Vale Consulting.

Der zweite belegte 220.000 Euro an dieselbe Firma.

Der dritte dokumentierte mehrere kleinere Zahlungen, die jeweils knapp unter der internen Kontrollgrenze lagen.

„North Vale gehört dem Bruder von Frau Morrison“, erklärte Clara.

Penelope fuhr herum.

„Ich habe damit nichts zu tun.“

„Ihr Name steht als wirtschaftlich Berechtigte im Gründungsdokument“, sagte Herr Baumann.

„Ihr Bruder ist lediglich Geschäftsführer auf dem Papier.“

Julian schlug mit der Hand auf den Tisch.

Gläser klirrten.

Victoria zuckte zusammen, Derek stellte seinen Whiskey ab.

„Das sind Firmenausgaben“, sagte Julian.

„Beratung.

Strategie.

Kundenakquise.“

Herr Baumann öffnete eine Datei.

„North Vale hat keine Angestellten, keine Büroräume und keine nachweisbaren Kunden.

Die Geschäftsadresse ist ein Briefkasten in einem Gebäude, das seit acht Monaten renoviert wird.“

„Dann ist die Buchhaltung eben schlampig.“

„Die Buchhaltung ist präzise“, erwiderte Baumann.

„Gerade deshalb sind Sie in Schwierigkeiten.“

Clara legte ein weiteres Dokument vor mich.

Es war die digitale Freigabe einer Überweisung.

Darunter stand meine Signatur.

Nur war sie nicht von mir.