Marcus wurde kreidebleich, als seine eigene Stimme den Konferenzraum erfüllte.
„Schneid den Teil weg, auf dem sie ihn Cousin nennt.
Alexander soll nur sehen, was er sehen muss.“
Zwölf Sekunden lang sagte niemand etwas.
Auf dem Bildschirm von Marcus’ Handy lief die Audiodatei weiter, doch es war nur ein leises Rascheln zu hören.
Ein Stuhl knarrte.
Jemand atmete hörbar ein.
Hinter den Glaswänden des Konferenzraums glitzerte Chicago im kalten Morgenlicht.
Alexander Whitman saß am Kopf des langen Tisches.
Vor ihm lag die schwarze Akte, die Maya gerade gebracht hatte.
Seine Hand ruhte auf dem Deckel, aber er öffnete sie noch nicht.
Er sah nur seinen Bruder an.
Marcus starrte auf das Handy, als hätte das Gerät aus eigenem Willen gesprochen.
Dann riss er es vom Tisch.
„Das ist aus dem Zusammenhang gerissen“, sagte er.
„Eine bearbeitete Datei.
Jeder kann heutzutage Stimmen fälschen.“
Daniel, der neben Maya stand, legte einen kleinen USB-Stick neben die Verkaufsverträge.
„Dann hören wir uns die übrigen siebenundvierzig Minuten an.“
Marcus’ Blick schoss zu ihm.
„Wer zum Teufel sind Sie?“
„Daniel Reyes.
Mayas Cousin.“
Das Wort blieb wie eine Klinge im Raum hängen.
Alexander schloss kurz die Augen.
Vor fünf Jahren hatte Maya genau diesen Namen gesagt.
Damals hatte er ihn nicht angerufen.
Er hatte weder nach einer Adresse noch nach einer Erklärung gefragt.
Er hatte nur die Bilder gesehen, Marcus’ betroffene Miene betrachtet und eine Entscheidung getroffen, die er später jeden Tag als notwendig bezeichnete.
Notwendig, weil Verrat Konsequenzen haben müsse.
Notwendig, weil ein Mann mit seiner Würde nicht verhandeln dürfe.
Notwendig, weil sein Bruder niemals lügen würde.
Nun stand Daniel vor ihm.
Dunkler Anzug, ruhige Haltung, ein kleiner weißer Narbenstrich über der linken Augenbraue.
Alexander erkannte ihn plötzlich aus den alten Familienfotos, die Maya ihm während ihrer Ehe gezeigt hatte.
Damals war Daniel jünger gewesen.
Aber es war derselbe Mann.
Alexander öffnete die Akte.
Die erste Seite enthielt Daniels Geburtsurkunde.
Der Name von Mayas Mutter stand auch dort, als Schwester von Daniels Vater.
Dahinter lagen Fotos von Familienfeiern, eine Einladung zu Daniels Hochzeit und ein Bild, auf dem Maya als Teenager neben ihm vor einem See stand.
Alexander blätterte weiter.
Restaurantbeleg.
Parkticket.
E-Mails.
Eine schriftliche Aussage des Restaurantleiters.
Dann kamen die Originalaufnahmen der Überwachungskameras.
Auf einem Standbild war zu sehen, wie Maya am Tisch Daniels Hand ergriff.
Nicht heimlich, nicht zärtlich.
Ihr Gesicht war angespannt.
Vor ihr lag ein geöffneter Ordner mit alten Grundbuchauszügen.
Auf dem nächsten Bild stand sie unter dem Vordach und hielt sich am Geländer fest.
Daniel stützte sie am Ellbogen.
Auf dem dritten führte er sie zu seinem Wagen, während ein Kellner mit einer Wasserflasche hinter ihnen herlief.
Die Fotos, die Marcus Alexander gezeigt hatte, waren exakt an den Stellen zugeschnitten worden, an denen diese Details verschwanden.
„Warum hast du ihn getroffen?“, fragte Alexander.