Einschüchternd.
Ich starrte es an und erinnerte mich plötzlich an den Abend meiner Flucht.
Adrian hatte einen fast identischen Ordner auf den Küchentisch gelegt.
Damals war er kurz aus dem Raum gegangen, um einen Anruf anzunehmen.
Ich hatte ihn geöffnet, obwohl ich wusste, was passieren würde, wenn er mich dabei erwischte.
Darin hatten keine medizinischen Unterlagen gelegen.
Es waren Namen gewesen.
Frauen.
Daten.
Aktenzeichen.
Daneben handschriftliche Notizen über Richter, Ärzte und Beamte.
Einige Namen waren rot markiert, andere durchgestrichen.
Hinter jeder Zeile stand ein Betrag.
Ich hatte nur wenige Sekunden gehabt.
Doch ich hatte mit meinem alten Telefon Seite für Seite fotografiert.
Als Adrian zurückkam, war der Ordner bereits wieder geschlossen gewesen.
Ich hatte geglaubt, er habe nichts bemerkt.
Dann hatte er mein Telefon in der Hand gesehen.
Jetzt hielt er wieder denselben Ordner.
„Welche Kopie?“, fragte Gabriel neben mir.
Ich deutete darauf.
„Der Ordner enthält keine medizinische Akte.“
Adrian antwortete sofort.
„Sie weiß nicht, wovon sie spricht.“
„Doch“, sagte ich.
Meine Stimme zitterte, aber sie war laut genug.
„Darin stehen die Namen von Frauen, deren Anzeigen verschwunden sind.“
Hauptkommissar Lenz hörte auf, sich gegen Gabriels Männer zu wehren.
Adrians Blick schoss zu ihm.
Dieser eine Blick verriet mehr als jedes Geständnis.
Roman bemerkte es ebenfalls.
Er ging langsam auf Adrian zu.
„Legen Sie den Ordner auf den Tisch.“
„Sie haben keine Befugnis, Beweismittel der Polizei zu beschlagnahmen.“
„Sie sind mit bewaffneten Männern in mein Haus gekommen und haben versucht, eine Angestellte mit einer mutmaßlich gefälschten Verfügung mitzunehmen.“ Roman blieb vor ihm stehen.
„Im Moment würde ich sehr vorsichtig darüber nachdenken, was Sie als Beweismittel bezeichnen.“
Adrian hob das Kinn.
„Sie glauben, Ihr Name schützt Sie?“
„Nein.“ Roman sah kurz zu Clara.
„Dafür habe ich Zeugen, Kameras und Anwälte.“
Draußen näherten sich weitere Fahrzeuge.
Diesmal waren es keine Streifenwagen aus Adrians Bezirk.
Dunkelblaue Wagen hielten vor der Eingangstreppe.
Männer und Frauen in schlichten Jacken stiegen aus.
Clara steckte ihr Telefon ein.
„Die interne Ermittlungsstelle.“
Adrian drehte sich zur Tür.
„Sie hatten kein Recht, die einzuschalten.“
„Sie haben mir eine gefälschte richterliche Verfügung in die Hand gedrückt“, sagte der Gerichtsvollzieher plötzlich.
Seine Stimme klang rau.
Alle sahen ihn an.
Er hielt das Papier nicht mehr wie ein amtliches Dokument.
Er hielt es an einer Ecke, als wäre es schmutzig.
„Ich habe das Siegel geprüft“, sagte er.
„Es war im System hinterlegt.
Aber der zuständige Richter ist seit sechs Tagen im Ausland.“ Clara nickte.