Sie nahm ihr Namensschild ab und legte es auf einen Tisch.
Heinrich bat um die Aufmerksamkeit der Gäste.
„Eigentlich hatte ich vor, später am Abend noch etwas bekannt zu geben“, sagte er.
„Nach allem, was passiert ist, halte ich jetzt den richtigen Zeitpunkt dafür.“
Aus der blauen Mappe nahm er ein weiteres Dokument.
Die Weber-Stiftung hatte ein jährliches Stipendium eingerichtet.
Es sollte nicht an den besten Notendurchschnitt gehen und auch nicht an den beliebtesten Schüler.
Es sollte junge Menschen unterstützen, die Verantwortung übernahmen, wenn Schweigen bequemer gewesen wäre.
Das Stipendium trug die Namen von Maras Eltern: Anna und David Weber.
Mara presste eine Hand vor den Mund.
„Opa“, flüsterte sie.
Heinrich sah zu ihr.
„Deine Eltern waren nicht reich“, sagte er.
„Aber sie hatten den Mut, Menschen nicht nach ihrem Nutzen oder ihrem Ansehen zu beurteilen.
Ich wollte, dass ihr Name für etwas weiterlebt, das zu ihnen passt.“
Er erklärte, dass das Stipendium ab dem kommenden Schuljahr jährlich vergeben werde.
Die Auswahl sollte durch eine unabhängige Gruppe aus Lehrern, Schülern und Vertretern der Stiftung erfolgen.
Dann blickte er zu Elias und Herrn Bender.
„Heute haben zwei Menschen gesprochen, obwohl es für sie einfacher gewesen wäre zu schweigen“, sagte er.
„Der eine riskierte, sich gegen beliebte Mitschüler zu stellen.
Der andere riskierte Ärger mit einer Organisatorin, die ihm Anweisungen geben konnte.“
Elias senkte verlegen den Blick.
Herr Bender räusperte sich.
„Das bedeutet nicht, dass heute bereits ein Stipendium vergeben wird“, fuhr Heinrich fort.
„Aber es zeigt, warum wir eines brauchen.“
Im Saal begann jemand zu klatschen.
Es war die Fotografin, die ihre Kamera inzwischen beiseitegelegt hatte.
Dann klatschte ein Lehrer.
Weitere Gäste schlossen sich an.
Innerhalb weniger Sekunden standen fast alle.
Mara sah ihren Großvater an.
Er wirkte erschöpft, aber seine Augen glänzten.
Der Applaus galt nicht seinem Besitz.
Er galt dem Mann, der sich hatte verspotten lassen, ohne selbst grausam zu werden.
Als die Musik später wieder begann, wollte Heinrich zunächst an einem Tisch am Rand bleiben.
„Du solltest mit deinen Freunden tanzen“, sagte er zu Mara.
„Dafür sind wir hier.“
Mara schüttelte den Kopf.
„Wir sind wegen eines Versprechens hier.“
Sie stellte sich vor seinen Rollstuhl und streckte ihm die Hand entgegen.
„Darf ich um diesen Tanz bitten?“
Heinrich lachte.
„Meine Schritte sind etwas eingerostet.“
„Dann führe ich.“
Herr Bender räumte einige Stühle zur Seite.
Die anderen Paare machten Platz.
Mara legte eine Hand in die ihres Großvaters und die andere auf seine Schulter.
Heinrich bewegte den Rollstuhl langsam im Takt, während sie sich mit ihm über die Tanzfläche drehte.
Niemand lachte.
Einige Schüler lächelten.
Andere wischten sich verstohlen über die Augen.
Die Fotografin hob ihre Kamera und sah fragend zu Mara.
Mara nickte.
Später wurde dieses Bild nicht wegen der Kleider, der Blumenwand oder der Kronleuchter zum bekanntesten Foto des Abends.
Es zeigte einen alten Mann im Rollstuhl, der zu seiner Enkelin aufsah, während sie den Kopf zu ihm neigte.
Beide lachten, als wären die übrigen Menschen im Saal verschwunden.