„Sie sollte doch nur vergessen, was sie gesehen hat.“
Donnas Satz hing zwischen den Häusern wie ein plötzliches Alarmsignal.
Niemand bewegte sich.
Nicht ihr Anwalt.
Nicht Dr.
Harding.
Nicht die Polizistin.
Nicht einmal Laya, die sich mit beiden Händen an Kevins Jacke klammerte.
Donna schien erst einen Moment später zu begreifen, dass sie die Worte laut ausgesprochen hatte.
„Das war nicht so gemeint“, sagte sie sofort.
„Sie verdrehen alles.“
Die Polizistin, deren Namensschild sie als Officer Ramirez auswies, nahm langsam ein kleines Aufnahmegerät aus ihrer Brusttasche.
„Sie haben gerade gesagt, das Kind sollte etwas vergessen.
Was genau?“
Donna hob die Hand, als könne sie die Frage wegwischen.
„Ich beantworte nichts ohne meinen Anwalt.“
Martin Keller stand noch immer neben ihr, doch seine Haltung hatte sich verändert.
Vor wenigen Minuten hatte er selbstsicher die Ledermappe geöffnet und Kevin die Unterlagen für eine Notfallvormundschaft überreicht.
Jetzt hielt er Abstand zu seiner Mandantin.
„Frau Halberg“, sagte er gedämpft, „sprechen Sie bitte nicht weiter.“
Kevin sah hinunter zu Laya.
Ihr Gesicht war blass, ihre Augen wirkten groß und erschöpft.
„Wir gehen rein“, sagte er.
Officer Ramirez nickte.
„Ich komme mit.
Dr.
Harding ebenfalls.
Herr Keller und Frau Halberg bleiben vorerst hier.“
Donna machte einen Schritt nach vorn.
„Laya gehört zu mir.“
Kevin blieb stehen.
Zum ersten Mal seit Clares Tod antwortete er seiner Schwiegermutter ohne Rücksicht auf ihre Trauer, ihr Alter oder die Rolle, die sie in Layas Leben gespielt hatte.
„Nein“, sagte er.
„Laya ist kein Besitz.“
Er führte seine Tochter die Treppe hinauf.
Hinter ihnen hörte er Ramirez um Unterstützung bitten.
In der Wohnung setzte sich Laya auf das Sofa und nahm ihren Stoffelefanten in den Arm.
Dr.
Harding kniete sich mit etwas Abstand vor sie.
„Laya“, sagte er sanft, „weißt du noch, was Oma meinte, als sie sagte, du solltest etwas vergessen?“
Laya schaute zu Kevin.
Er setzte sich neben sie.
„Du kannst alles erzählen.
Du bist nicht in Schwierigkeiten.“
Sie strich mit einem Finger über das Ohr des Stofftiers.
„Bei Oma war ein Mann“, sagte sie schließlich.
Kevin spürte, wie sein Körper sich anspannte.
„Welcher Mann?“
„Ich weiß nicht.
Er hatte eine rote Jacke.
Oma hat mit ihm in der Küche geredet.
Sie haben gestritten.“
„Worüber?“
Laya schloss die Augen, als suche sie in einem Nebel.
„Mama.“
Das Wort traf Kevin wie ein Schlag.