“Nein”, erwiderte David.
“Aber die Polizei kann Ihnen untersagen, sich ihr zu nähern.
Sie ist bereits unterwegs.”
Nun verschwand Julians Lächeln vollständig.
Er drehte sich zu der jungen Krankenschwester.
“Nora, verlassen Sie den Raum.
Sofort.”
Sie sah zunächst zu Boden.
Ihre Finger umklammerten das Tablet so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.
Dann hob sie den Kopf.
“Nein.”
Das Wort war kaum lauter als ein Atemzug, doch im stillen Raum klang es wie ein Schlag.
Julian machte einen Schritt auf sie zu.
Die Sicherheitsleute bewegten sich gleichzeitig.
“Sie wissen offenbar nicht, mit wem Sie sprechen”, sagte er.
Nora schluckte.
“Doch.
Deshalb habe ich so lange geschwiegen.”
Sie legte das Tablet auf den Tisch und öffnete eine Datei.
Auf dem Bildschirm erschienen Zugriffsprotokolle aus Chloes Patientenakte.
Julians persönliche Kennung war in mehreren Zeilen markiert.
Drei Wochen zuvor hatte er die geplante Narkoseform geändert.
Zwei Tage später hatte er eine ungewöhnlich hohe Medikamentendosis vorgemerkt.
In derselben Nacht war die Änderung wieder gelöscht worden.
“Das beweist gar nichts”, sagte Julian sofort.
“Ärzte testen Behandlungsoptionen.”
“Nicht unter dem Benutzerkonto einer Patientin und ohne dokumentierte Indikation”, entgegnete Elena.
Nora öffnete die nächste Seite.
“Ich habe die ursprünglichen Versionen gesichert, bevor sie überschrieben wurden.”
Julian sah sie an, als wollte er sich jedes Detail ihres Gesichts merken.
“Sie sind entlassen.”
“Dazu sind Sie nicht mehr befugt”, sagte David.
Die Tür öffnete sich erneut.
Zwei Polizeibeamte betraten den Raum, begleitet von einer Frau in ziviler Kleidung, die sich als Kriminalhauptkommissarin Sarah Lindner vorstellte.
Sie sprach zuerst mit Chloe, nicht mit Julian.
“Frau Thorne, Sie müssen jetzt keine ausführliche Aussage machen.
Wir sorgen zunächst dafür, dass Sie medizinisch sicher sind.
Können Sie mir nur sagen, ob Sie sich gegenwärtig durch Ihren Ehemann bedroht fühlen?”
Chloe sah auf ihre Hände.
Für einen Moment fürchtete ich, sie würde aus Gewohnheit verneinen.
Julian hatte ihre Angst sorgfältig aufgebaut.
Nicht nur durch Gewalt, sondern durch wiederholte Sätze, durch Kontrolle über Konten, Termine und Medikamente, durch die Behauptung, niemand werde ihr glauben.
Dann sagte sie: “Ja.”
Julian atmete hörbar aus.
“Sie steht unter dem Einfluss ihrer Mutter”, erklärte er.
“Meine Frau leidet seit Monaten unter Angstzuständen.
Ich habe versucht, sie zu schützen.”
Kommissarin Lindner sah ihn nicht einmal an.
“Frau Thorne, hat Ihr Mann Ihnen mit medizinischen Komplikationen oder dem Tod während der Geburt gedroht?”
Chloe nickte.
“Laut, bitte”, sagte die Kommissarin sanft.
“Nur wenn Sie können.”
Chloe hob den Kopf.
Tränen standen in ihren Augen, aber ihre Stimme war klar.
“Er sagte, ich würde nach dem Kaiserschnitt nicht mehr aufwachen, wenn ich ihn verlasse.
Er sagte, niemand würde einen Fehler im OP hinterfragen, weil ihm die Klinik gehört.”