„Gibt es Aufzeichnungen von dem Treffen?“
„Ja.
Der Besprechungsraum wird aus Sicherheitsgründen gefilmt.
Ich habe die Datei gesperrt, damit sie nicht automatisch überschrieben wird.“
„Wer war noch bei ihm?“
Daniela zögerte.
Dann schickte sie mir eine zweite Aufnahme.
Ich öffnete sie.
Neben Lucas stand Melanie.
Eine Hand lag auf ihrem sichtbaren Bauch.
Mit der anderen hielt sie einen Ordner.
Doch sie war nicht die Person, die mir den Atem nahm.
Am anderen Ende des Tisches saß Richard Hale, der langjährige Finanzberater meines Vaters.
Richard hatte bei der Beerdigung neben mir gestanden.
Er hatte mir versprochen, das Vermögen meines Vaters zu schützen.
Er kannte jede Klausel des Trusts und wusste genau, dass Lucas ohne meine persönliche Zustimmung keinen Kredit aufnehmen durfte.
„Richard Hale war dabei“, sagte ich.
„Sie kennen ihn?“
„Seit meiner Kindheit.“
Plötzlich ergab die blaue Mappe einen Sinn.
Richard hatte Zugang zu Kopien der Unterlagen.
Er kannte die Konten, den Wert des Hauses und die Struktur meines Erbes.
Lucas hatte den Plan nicht allein entwickelt.
Ich beendete das Gespräch mit Daniela erst, nachdem sie zugesagt hatte, alle Originale zu sichern und keine weiteren Gespräche mit Lucas zu führen.
Dann rief ich Dr.
Miriam Stein an, die Anwältin, die den Trust meines Vaters mit aufgesetzt hatte.
Miriam meldete sich trotz des frühen Nachmittags sofort.
„Anne? Ist etwas passiert?“
„Lucas versucht, das Haus meines Vaters zu beleihen.
Mit einer gefälschten Vollmacht.“
Am anderen Ende entstand eine kurze Stille.
„Fassen Sie das gemeinsame Konto nicht an“, sagte sie schließlich.
„Machen Sie Bildschirmaufnahmen von allem.
Ich kümmere mich um den Rest.“
Innerhalb einer Stunde schickte Miriam eine Betrugswarnung an die Bank, die Treuhandgesellschaft und das Grundbuchamt.
Da das Haus in einem Familientrust lag, war für jede Belastung zusätzlich die Unterschrift der unabhängigen Treuhänderin erforderlich.
Diese Treuhänderin war Miriam.
Mein Vater hatte diese Sicherung eingebaut, nachdem Lucas ihn einmal gefragt hatte, warum ich ein eigenes Vermögen brauche, wenn wir doch verheiratet seien.
Damals hatte ich die Vorsicht meines Vaters beinahe beleidigend gefunden.
Jetzt rettete sie mein Zuhause.
Die Bank fror das gemeinsame Sparkonto vorübergehend ein.
Nicht weil ich das Geld beanspruchte, sondern weil Lucas bereits mehrere Überweisungen an seine Firma vorbereitet hatte.
Jede Bewegung musste nun von der Betrugsabteilung geprüft werden.
Um 16.18 Uhr erhielt Lucas die erste Nachricht, dass seine Firmenkarte gesperrt worden war.
Er rief mich sofort an.
Auf dem Display erschien sein Name.
Im Hintergrund hörte ich Flughafengeräusche.
„Hey, Schatz“, sagte er.
„Ich habe gerade einen Zwischenstopp.
Es gibt ein Problem mit der Karte.“
„Was für ein Problem?“
„Wahrscheinlich nur eine Sicherheitsprüfung.
Hast du versucht, Geld zu überweisen?“
Seine Stimme war ruhig, aber zu schnell.
„Warum sollte ich?“
„Keine Ahnung.