Aus dem Lautsprecher von James Whitfields Telefon erklang Ryans Stimme so deutlich, dass selbst das Klirren des Bestecks an den Nachbartischen verstummte.
„Hundert Dollar, wenn sie länger als eine halbe Stunde sitzen bleibt.“
Ein Männerlachen folgte.
Dann das Geräusch eines Glases, das gegen ein anderes stieß.
Sophia saß reglos auf ihrem Stuhl.
Nur ihre rechte Hand bewegte sich.
Sie schob die kleine Handtasche mit den fünf Dollar näher an ihren Körper, als könnte sie wenigstens diesen letzten Rest ihres privaten Lebens schützen.
James stoppte die Aufnahme nicht.
Er sah Ryan an, während die nächsten Sekunden abgespielt wurden.
„Wie hast du sie gefunden?“, fragte einer der Männer auf dem Video.
Ryan antwortete: „Im Personalordner von Whitfields Haus.
Foto, Nummer, alles.
Diese Frauen glauben jedes freundliche Wort.“
Jetzt drückte James auf Pause.
Ryan stand neben dem Tisch, eine Hand noch immer an der Brusttasche, in der das Firmenhandy steckte.
Sein selbstsicheres Lächeln war verschwunden.
Für einen Moment wirkte er wie jemand, der nach einem Ausgang suchte und begriff, dass jeder Mensch im Raum ihn beobachtete.
„Das ist aus dem Zusammenhang gerissen“, sagte er schließlich.
Sophia hob den Blick.
„Welcher Zusammenhang macht es harmlos, meine persönlichen Daten zu stehlen?“
Ryan ignorierte sie und wandte sich an James.
„Wir hatten etwas getrunken.
Es war ein dummer Scherz.
Ich kann das erklären.“
„Dann erklären Sie zuerst, wie Sie Zugang zu den Personalunterlagen meines Hauses bekommen haben“, sagte James.
Seine Stimme war nicht laut.
Gerade deshalb wirkte sie so endgültig.
Der Geschäftsführer des Golden Rose kam mit zwei Sicherheitsmitarbeitern an den Tisch.
James zeigte ihm die Nachricht seines Unternehmenssicherheitschefs.
Die Kameraaufnahmen der Bar sollten sofort gesichert und nicht überschrieben werden.
Auch der Restaurantleiter verstand inzwischen, dass es nicht mehr um ein misslungenes Blind Date ging.
Es ging um Datendiebstahl, gezielte Demütigung und die Nutzung eines Firmenhandys für eine heimliche Aufnahme.
Ryan zog sein Telefon heraus.
„Ich lösche das Video.
Dann ist die Sache erledigt.“
„Legen Sie es auf den Tisch“, sagte James.
„Sie können mir mein Eigentum nicht wegnehmen.“
„Das Gerät gehört Whitfield Holdings.“
Ryan zögerte.
Dann legte er das Telefon hin, allerdings mit dem Display nach unten.
In diesem Moment öffnete sich die Tür zum privaten Speiseraum.
Eine junge Kellnerin kam heraus.
Sie war vielleicht zweiundzwanzig und hielt einen versiegelten Umschlag mit beiden Händen fest.
Als sie Ryan sah, blieb sie stehen.
„Ich wollte das eigentlich nicht hier tun“, sagte sie.
„Aber ich habe gehört, was abgespielt wurde.“
Der Geschäftsführer sah sie irritiert an.
„Maya, was ist das?“
„Etwas, das ich vor drei Monaten aufbewahrt habe, weil mir niemand geglaubt hätte.“
Sie legte den Umschlag vor James.
Darin befanden sich ausgedruckte Nachrichten, zwei Fotos und eine handschriftliche Erklärung.
Ryan hatte Maya unter einem falschen Namen zu einem Treffen eingeladen, sie nach zwanzig Minuten öffentlich wegen ihrer Arbeit verspottet und anschließend ein Video in einer privaten Chatgruppe geteilt.
Oben auf einer weiteren Seite stand ein Name, den Sophia sofort erkannte.
Carmen Ruiz.
Ihre beste Freundin.
Sophia griff nach dem Blatt.