Neles Gesicht füllte den kleinen Bildschirm.
Hinter ihr verlief eine graue Betonwand, über die das Licht einer nackten Glühbirne zitterte.
Ihre Hände waren vor dem Körper zusammengebunden, doch sie hielt den Kopf aufrecht.
„Julia, wenn du das siehst, dann hat er mich noch nicht gefunden“, sagte sie mit brüchiger Stimme.
Im Hintergrund schlug eine Autotür zu.
Daniel stand nur wenige Meter entfernt zwischen zwei Beamten.
Noch vor einer Minute hatte er verlangt, das Handy zurückzubekommen.
Jetzt bewegte er sich nicht mehr.
Seine Lippen waren geöffnet, aber kein Wort kam heraus.
Julia kniete neben ihrer Tochter und sah auf den Mann, mit dem sie sechs Jahre verheiratet war.
Sie suchte in seinem Gesicht nach Überraschung, nach Verwirrung, nach irgendeinem Hinweis darauf, dass das Video falsch verstanden werden konnte.
Sie fand nur Angst.
Nicht die Angst eines unschuldigen Mannes.
Die Angst eines Mannes, dessen sicherstes Versteck geöffnet worden war.
Auf dem Video wandte Nele den Kopf zur Seite.
Eine Tür quietschte.
Daniel trat ins Bild und legte eine dunkelblaue Mappe auf einen Metalltisch.
„Du hast genug Zeit gehabt“, sagte seine aufgezeichnete Stimme.
„Du unterschreibst die Vollmacht, und danach können wir beide so tun, als wäre nichts passiert.“
„Du hast Julias Unterschrift gefälscht“, antwortete Nele.
„Und du hast fast das gesamte Geld vom Firmenkonto verschoben.“
Daniel beugte sich zu ihr hinunter.
„Deine Schwester glaubt mir.
Sie hat mir immer geglaubt.“
Julia spürte, wie Leni ihre Finger umklammerte.
Elf Tage lang hatte Daniel tatsächlich dafür gesorgt, dass sie ihm glaubte.
Als Nele nicht zu einem vereinbarten Abendessen erschienen war, hatte er gesagt, sie sei wahrscheinlich wieder einmal überfordert.
Als Julias Anrufe unbeantwortet blieben, hatte er erklärt, Nele wolle Aufmerksamkeit.
Als Julia schließlich eine Vermisstenanzeige erstattete, hatte Daniel sie vor den Beamten als emotional und leicht beeinflussbar dargestellt.
Er hatte neben ihr gesessen, ihre Hand gehalten und jedes Wort über ihre verschwundene Schwester kontrolliert.
Auf dem Bildschirm schob Daniel Nele einen Stift hin.
„Unterschreib.“
„Nein.“
„Dann bleibst du hier.“
Das Video endete abrupt.
Niemand in der Polizeiwache sprach.
Dann riss Daniel an den Armen der Beamten.
„Das ist gestellt“, sagte er.
„Nele und ich haben für ein Sicherheitsvideo geprobt.
Fragen Sie meine Frau.
Ihre Schwester war schon immer dramatisch.“
Sergeant Markus Weber nahm das Telefon und legte es auf den Schreibtisch, ohne den Bildschirm zu berühren.
„Herr Berger, Sie äußern sich ab jetzt besser nicht mehr ohne anwaltlichen Beistand.“
„Sie dürfen mich nicht festhalten.“
„Wir dürfen verhindern, dass Sie Beweismittel vernichten oder eine möglicherweise gefährdete Person warnen.“
Daniel sah zu Julia.
Sein Ton wurde leise.
„Sag ihnen, dass Leni fantasiert.
Ein falsches Wort, und du siehst sie nie wieder.“
Markus drehte den Kopf zu ihm.
„Danke“, sagte er ruhig.
„Meine Körperkamera läuft.“
Zum ersten Mal verlor Daniel vollständig die Kontrolle.
Er stieß einen Fluch aus und versuchte erneut, sich loszureißen.
Die Beamten legten ihm Handschellen an.
Leni vergrub ihr Gesicht im Mantel ihrer Mutter.